Abschlussveranstaltung Projekt HILDE im Juli 2026 im Gulielminetti.

Drei Jahre HILDE: Gemeinsam entwickelte Ideen für mehr Nähe und Verbundenheit

Drei Jahre HILDE: Gemeinsam entwickelte Ideen für mehr Nähe und Verbundenheit

Abschlussveranstaltung im Gulielminetti-Haus zeigt, wie Wissenschaft und die Erfahrungen aus dem Pflegealltag neue Lösungen für ältere Menschen hervorbringen können

Wie können ältere Menschen mit ihren Familien und Freunden in Verbindung bleiben, wenn Smartphones oder Tablets keine Option mehr sind? Mit dieser Frage beschäftigten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTWD) gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Angehörigen sowie Mitarbeitenden des BRK-Seniorenwohn- und Pflegeheims Gulielminetti in Marktoberdorf in den vergangenen drei Jahren. Mit einer Abschlussveranstaltung fand das bundesgeförderte Forschungsprojekt HILDE nun seinen offiziellen Abschluss.

Renate Dauner, Einrichtungsleiterin des Gulielminetti, und Daniel Kahl, Pflegedienstleiter der Einrichtung, begrüßten die Gäste im neu gestalteten Filterkaffee. Vertreter aus Politik und Gesellschaft, Projektteilnehmern sowie die Projektleiter waren der Einladung gefolgt, um den Abschluss des dreijährigen Forschungsprojekts gemeinsam zu begehen. Michael Eichinger, Erster Bürgermeister der Stadt Marktoberdorf, zeigte sich beeindruckt vom neu gestalteten Filterkaffee, das er in seinem Grußwort ausdrücklich würdigte. Gleichzeitig erinnerte er an seine persönliche Verbindung zum Gulielminetti-Haus, in dem er während seiner Ausbildung selbst einige Monate gearbeitet hatte.

Warum sich das Gulielminetti-Haus von Beginn an mit Leidenschaft an HILDE beteiligte, machte Daniel Kahl in seiner Begrüßung deutlich. Die Erfahrungen während der Corona-Pandemie hätten gezeigt, wie schmerzlich fehlende Nähe und soziale Kontakte für viele Bewohnerinnen und Bewohner gewesen seien. „Isolation und Kontaktabbruch waren für viele Menschen ein ganz schlechte Situation. Das Projekt HILDE hatte uns alle von Beginn an fasziniert, etwas zukünftiges zur Verbesserung solcher Umstände zu entwickeln."

Das Forschungsprojekt brachte die Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (HTWD), die Charité – Universitätsmedizin Berlin, das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung, Awesome Technologies und das BRK-Seniorenwohn- und Pflegeheim Gulielminetti als Praxispartner zusammen. Gemeinsam suchten sie nach neuen Wegen, um Nähe und Kommunikation auch über räumliche Distanz hinweg zu ermöglichen.

Für Prof. Joanna Dauner, Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden und Leiterin des Forschungsprojekts, war dabei von Anfang an klar, dass die Lösungen nur gemeinsam mit den Menschen entstehen konnten, für die sie gedacht sind. „Für uns war es wirklich eine Prämisse, dass wir nicht für Seniorinnen oder ältere Menschen gestalten, sondern mit diesen.“ Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende wurden deshalb nicht zu Testpersonen, sondern zu Mitgestaltern. In Workshops, Gesprächsrunden und Praxistests flossen ihre Erfahrungen kontinuierlich in die Entwicklung ein.

Zuhören statt vorgeben

Wie dieser Entwicklungsprozess ablief, erläuterte Karl-Wilhelm Poland, Produktdesigner und wissenschaftlicher Mitarbeiter im HILDE-Projekt. „Wir wussten zunächst gar nicht, für wen wir eigentlich gestalten. Deshalb haben wir zuerst gefragt: Wie leben die Menschen? Wie kommunizieren sie? Wie fühlt sich Nähe an?“ Aus diesen Gesprächen entstanden zunächst zahlreiche Ideen. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurden sie immer wieder weiterentwickelt, ausprobiert und auch verworfen. „Super oft verrennt man sich auch einfach irgendwo. Deshalb mussten wir immer wieder überprüfen, ob wir wirklich zielgruppengerecht gestalten.“

Die HILDE-Box bringt Erinnerungen und vertraute Stimmen zusammen

Ein zentrales Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit ist die HILDE-Box mit dem Arbeitstitel „Weißt Du noch?“. Sie richtet sich an ältere Menschen, denen die Bedienung moderner Technik zunehmend schwerfällt. Statt vieler Funktionen setzt die Box bewusst auf Einfachheit: Drei große Tasten, Lautsprecher und Mikrofon sowie kleine Holzscheiben, die jeweils einer vertrauten Person oder einer besonderen Erinnerung zugeordnet werden. Wird eine dieser Holzscheiben aufgelegt, können persönliche Geschichten angehört, Erinnerungen festgehalten oder Sprachnachrichten von Kindern, Enkeln oder Freunden abgespielt werden. Ebenso lassen sich eigene Botschaften aufnehmen und an Angehörige senden. Die Technik tritt dabei bewusst in den Hintergrund. Im Mittelpunkt stehen vertraute Stimmen, gemeinsame Erinnerungen und der Kontakt zu den Menschen, die einem wichtig sind. „Wir haben versucht, wirklich alles auf das Allernotwendigste zu reduzieren“, erklärte Karl-Wilhelm Poland. Prof. Joanna Dauner machte deutlich, dass die vorgestellte Box bewusst noch kein fertiges Produkt ist. „Wir arbeiten in der Forschung nicht daran, jetzt ein konkretes Produkt auf den Markt zu bringen. Es geht darum, die grundlegenden Funktionen und Interaktionen erst einmal zu testen.“ Derzeit wird die HILDE-Box in einer Langzeitstudie im Alltag erprobt. Erst die wissenschaftliche Auswertung soll zeigen, wie sie weiterentwickelt werden kann.

Neben der HILDE-Box entstand mit der „Kuschelmuschel“ ein zweites Konzept. Das atmende Kissen wurde insbesondere für Menschen mit fortgeschrittener Demenz entwickelt und soll Geborgenheit vermitteln, wenn Sprache oder direkter Kontakt nur noch eingeschränkt möglich sind. „Es geht dabei nicht darum, Menschen zu ersetzen. Es gibt aber einen gewissen Stand im Leben, in dem Nähe nicht mehr so wahrgenommen werden kann. Genau für diese Zielgruppe haben wir dieses Kissen gestaltet“, erläuterte Karl-Wilhelm Poland. Auch dieses Konzept soll weiterentwickelt werden. Künftig möchten die Forschenden untersuchen, ob die Idee auch kleinen Kindern in der Onkologie helfen kann.

Wichtige Impulse für die Pflege der Zukunft

In ihren Grußworten hoben die Ehrengäste die Bedeutung des Projekts hervor. Thomas Hofmann, Kreisgeschäftsführer des BRK-Kreisverbandes Ostallgäu, betonte, dass die Pflege angesichts des demografischen Wandels neue Ideen brauche und Projekte wie HILDE zeigten, wie Wissenschaft und Einrichtungen gemeinsam Lösungen entwickeln können. Auch Johannes Erd, stellvertretender Landrat des Landkreises Ostallgäu und Vorstandsmitglied des BRK-Kreisverbandes Ostallgäu, verwies auf die Erfahrungen der Corona-Pandemie. Wissenschaftlich begleitete Projekte wie HILDE könnten helfen, daraus langfristige Lösungen für die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft zu entwickeln.

Ein Projekt endet – die Ideen leben weiter

Für Renate Dauner war HILDE weit mehr als ein Forschungsprojekt. Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende hätten die Möglichkeit erhalten, ihre Erfahrungen unmittelbar einzubringen und die Entwicklungen aktiv mitzugestalten. Gerade dieser enge Austausch zwischen Forschung und Pflegealltag habe das Projekt besonders wertvoll gemacht. Auch Prof. Joanna Dauner zog eine positive Bilanz und dankte allen Beteiligten für ihre Offenheit und ihr außergewöhnliches Engagement. „Es war wirklich ein riesengroßes Geschenk, dass wir hier so optimale Bedingungen hatten. Viele Einrichtungen können ein solches Projekt personell gar nicht begleiten. Ohne dieses Engagement wäre HILDE so nicht möglich gewesen.“

Auch wenn das Forschungsprojekt nun offiziell abgeschlossen ist, gehen die Arbeiten weiter. Die HILDE-Box wird wissenschaftlich weiter untersucht, für die Kuschelmuschel ist bereits ein Folgeprojekt beantragt. Zum Abschluss fasste Prof. Joanna Dauner die Grundidee von HILDE in einem Satz zusammen: „Wir gestalten für unser zukünftiges Selbst.“

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